Kultur ermöglichen heißt Freiheit ermöglichen – warum Harburg mehr braucht

Man kann über Kultur in Harburg auf zweierlei Weise sprechen. Man kann sie, wie es so oft geschieht, als freundliche Zugabe behandeln: als hübschen Teil der lokalen Selbstbeschreibung, als dekoratives Beiwerk zwischen Verkehrsfragen, Baupolitik und Sozialetat. Oder man nimmt sie endlich ernst. Dann erscheint Kultur nicht als Schmuck des Bezirks, sondern als eine seiner elementaren Freiheitsbedingungen. Denn Freiheit bleibt unerquicklich abstrakt, wenn sie nicht Orte findet, an denen Menschen sich zeigen, widersprechen, ausprobieren, erinnern und miteinander ins Gespräch kommen können. Genau darum geht es in Harburg.

Wer den Kulturentwicklungsplan liest, spürt sofort, dass hier nicht bloß ein Bericht vorliegt, sondern eine Selbstverständigung des Bezirks über seine kulturelle Zukunft. Der Plan ist aus einem breit angelegten Beteiligungsprozess mit Runden Tischen, Umfragen und offenen Formaten hervorgegangen; beteiligt waren Akteurinnen und Akteure aus Kultur, Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Sein Anspruch ist ebenso schlicht wie anspruchsvoll: die kulturelle Infrastruktur sichern, Kulturprojekte langfristig weiterentwickeln und Kulturpolitik zukunftsfähig aufstellen.  

Dabei ist die Diagnose erfreulich ungeschminkt. Harburg, so der Plan, verfügt über eine vielfältige, aktive Kulturszene mit engagierten Institutionen, Initiativen und Einzelakteuren. Zugleich fehle es an einer ausdifferenzierten Förderstruktur, an Ansprechpartnern in bedarfsgerechtem Umfang, an zugänglichen Räumen und an Voraussetzungen für kulturelle Teilhabe, die soziale, sprachliche und infrastrukturelle Hürden tatsächlich überwinden. Mit anderen Worten: Es mangelt Harburg nicht an Kultur, sondern an den Strukturen, die Kultur tragen.  

Gerade das ist der entscheidende Punkt. In Harburg fehlt nicht zuerst das Talent, auch nicht die Bereitschaft, nicht einmal die Idee. Es fehlt die Verlässlichkeit. Der Kulturentwicklungsplan formuliert deshalb folgerichtig keine Wunschliste von Einzelereignissen, sondern priorisiert Ermöglichungsstrukturen: eine Kulturkoordinatoren-Stelle, ein Kulturraum-Management, ein Kulturrat, eine zeitgemäße Plattform, Teilhabe- und Lotsenstrukturen. Das ist eine bemerkenswert liberale Pointe, auch wenn sie im Plan selbst nicht so genannt wird: Freiheit braucht Institutionen. Sie entsteht nicht aus administrativer Zufälligkeit und schon gar nicht aus dem jährlichen Hoffen auf Restmittel, sondern aus belastbaren Rahmenbedingungen.  

Damit wird Kulturpolitik unmittelbar anschlussfähig an unser 5K-Konzept. Denn Kultur ist in Wahrheit in allen fünf K enthalten. Sie gehört zum Kommen, weil eine Stadt nur dort wirklich erreichbar ist, wo es Gründe gibt, sich auf den Weg zu machen: zu Konzerten, Ausstellungen, Lesungen, offenen Ateliers, Begegnungsorten. Sie gehört zum Kaufen, weil lebendige Kultur Zentren stärkt, Aufenthaltsqualität schafft und einem Stadtteil jene Anziehungskraft verleiht, die auch ökonomisch nicht folgenlos bleibt. Sie gehört zum Können, weil kulturelle Bildung die freiheitlichste Form von Bildung ist: Sie eröffnet Ausdruck, Urteilskraft und Selbstvertrauen jenseits bloßer Verwertungslogik. Sie gehört zum Kümmern, weil Kultur in einem jungen, vielfältigen und sozial heterogenen Bezirk Verständigung stiftet, Brüche überbrückt und Beteiligung ermöglicht. Und sie gehört zum Klären, weil Kultur Öffentlichkeit herstellt: Sie macht sichtbar, was eine Gesellschaft beschäftigt, verdrängt oder erst noch lernen muss. In diesem Sinne ist Kultur kein sechstes K, sondern das feine Gewebe zwischen allen fünf.

Dass Harburg dafür besonders auf Kultur angewiesen ist, ist keine bloße Behauptung, sondern lässt sich nüchtern beschreiben. Im Bezirk leben rund 178.000 Menschen; 18,8 Prozent sind minderjährig, 53,9 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Harburg ist damit jung, vielfältig und in besonderem Maße auf niedrigschwellige, verbindende und sichtbare Formen kultureller Teilhabe angewiesen. Genau dies spiegelt auch der Kulturentwicklungsplan, wenn er Kultur „für alle und von allen“ ermöglichen, Jugend stärken, Vielfalt leben und Teilhabe ausbauen will.   

Umso auffälliger ist die Diskrepanz zwischen Anspruch und finanzieller Realität. Ein jüngst interfraktionell beschlossener Antrag der Bezirksversammlung benennt sie ungewöhnlich klar. Er erinnert daran, dass die Verteilung der Mittel für die Stadtteilkultur historisch gewachsen ist und Harburg seit langem benachteiligt. Die frühere Rechtfertigung über „gewachsene Strukturen und Milieus“ sei inzwischen gestrichen worden, die finanziellen Konsequenzen aber seien ausgeblieben. Das Bezirksamt habe für den Haushalt 2027/28 strukturelle Mehrbedarfe von 915.000 Euro angemeldet; gefordert wird daher, den Gesamtetat der Rahmenzuweisung Stadtteilkultur um mindestens 457.000 Euro jährlich zu erhöhen, gezielt für Harburg und ausdrücklich ohne andere Bezirke zu schwächen.  

Dieser Antrag ist mehr als eine Bitte um Geld. Er ist der Moment, in dem der Bezirk aus seiner eigenen Analyse die notwendige politische Konsequenz zieht. Denn wenn der Kulturentwicklungsplan neue Koordination, neue Räume, neue Teilhabeformen und professionellere Kommunikation fordert, dann handelt es sich nicht um poetische Zierden, sondern um kostenwirksame Infrastruktur. Die Alternative bestünde darin, einen Plan zu verabschieden, dessen Umsetzung von vornherein unter Finanzierungsvorbehalt steht. Das aber wäre die vertraute deutsche Variante der Kulturpolitik: programmatisch ambitioniert, praktisch unterkühlt.

Ein Blick in das Harburger ALLRIS bestätigt, dass diese Schieflage keine theoretische ist. Dort erscheinen die wiederkehrenden Vorlagen zu den Projektmitteln Stadtteilkultur ebenso wie die Feinverteilung der Rahmenzuweisung für 2026. Aus der Vorlage zur Feinverteilung geht hervor, dass der Doppelhaushalt 2025/26 für Harburg im Jahr 2026 lediglich eine Erhöhung der Rahmenzuweisung um 11.000 Euro vorsieht; zugleich werden zusätzliche, noch gar nicht endgültig übertragene Mittel für tarifliche Angleichungen und Stellenbewertungen mitgedacht, darunter 24.244 Euro sowie ein weiterer Mehrbedarf von rund 35.000 Euro. Schon in dieser Verwaltungsprosa lässt sich lesen, was das Problem ist: Nicht kultureller Übermut treibt die Debatte, sondern der Versuch, das Notwendige überhaupt finanzierungsfähig zu machen.

Gerade hier zeigt sich der liberale Kern der Sache. Eine freiheitliche Kulturpolitik darf sich nicht darin erschöpfen, einzelne Leuchttürme zu bewundern, während die alltägliche kulturelle Infrastruktur im Halbdunkel bleibt. Freiheit konkretisiert sich nicht nur im großen Haus und auf der repräsentativen Bühne, sondern im erreichbaren Proberaum, im offenen Atelier, im Stadtteilzentrum, in der sichtbaren Einladung, in der verlässlichen Ansprechpartnerin, in einer Plattform, auf der kulturelles Leben überhaupt erst auffindbar wird. Wer Kultur auf diese Weise versteht, erkennt in ihr keine Subvention des Schönen, sondern eine Investition in Selbsttätigkeit, Pluralität und Bürgersinn.

Harburg hat dafür seine Hausaufgaben gemacht. Der Bezirk hat nicht einfach „mehr Kultur“ gefordert, sondern einen Kulturentwicklungsplan erarbeitet, Prioritäten benannt und mit einem interfraktionellen Antrag die finanzielle Konsequenz daraus gezogen. Er hat also bereits geliefert: Analyse, Beteiligung, Richtung. Was jetzt fehlt, ist die Bereitschaft, Kultur nicht länger als nachrangiges Ornament, sondern als konkrete Freiheitspolitik zu behandeln. Gerade darin läge eine moderne liberale Antwort auf die Frage, was Kulturpolitik heute sein soll: nicht Beifall für das, was trotz widriger Bedingungen entsteht, sondern die entschlossene Herstellung jener Bedingungen, unter denen Freiheit im Alltag Gestalt annehmen kann.