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Beim politischen Spaziergang unserer Fraktion durch das nördliche Neugraben am 23. Mai ging es zunächst um sehr konkrete Dinge: um Straßen, Verkehr, Freizeitmöglichkeiten, Gewerbeflächen und die Entwicklung im alten Neugrabener Dorf. Also um das, was vor Ort tatsächlich zählt. Um die Frage, wie ein Stadtteil funktioniert. Wie Menschen zur Arbeit kommen. Wie Kinder sicher unterwegs sind. Wo Familien im Sommer schwimmen gehen können. Und ob das Wachstum eines Stadtteils auch mit einer Infrastruktur beantwortet wird, die diesem Wachstum gewachsen ist.
Gerade an solchen Fragen zeigt sich oft mehr über den Zustand einer Stadt als an großen Strategiepapieren, Hochglanzprojekten oder internationalen Rankings.
Neugraben wächst. Mit dem Vogelkamp, dem Heidbrook und künftig den Fischbeker Reethen sind und entstehen neue Quartiere. Es kommen neue Mitbürgerinnen und Mitbürger hinzu, neue Wege, neue Alltagsroutinen, neue Verkehrsströme. Gleichzeitig nähert sich der Bau der A 26 seiner Fertigstellung. Die Autobahn ist also da – oder fast da. Was fehlt, ist der Nutzen für Neugraben.
Ein Bewohner brachte es beim Rundgang auf den Punkt: Neugraben brauche einen eigenen Autobahnanschluss. Denn sonst bleibt von der A 26 vor Ort vor allem eines: Lärm. Aber keine Entlastung.
Das ist eine bittere Pointe. Eine Autobahn wird gebaut, aber der Stadtteil, der mit ihren Auswirkungen leben muss, wird nicht angemessen angebunden. „Lärm ja, Nutzen nein“ – treffender lässt sich das Problem kaum beschreiben. Dabei liegt der Gedanke eines Anschlusses keineswegs fern. Die Neugrabener Allee ist breit genug, um eine leistungsfähige Zubringerfunktion übernehmen zu können. Ein sinnvoll geplanter Anschluss könnte Verkehr bündeln und bestehende Straßen entlasten. Insbesondere die Francoper Straße darf nicht zu einer Ausweichstrecke für Verkehre werden, für die sie weder gebaut noch geeignet ist. Auch die Cuxhavener Straße muss perspektivisch so betrachtet werden, dass sie einem wachsenden Stadtteil gerecht wird, ohne seine Lebensqualität weiter zu belasten.
Wer neue Quartiere plant, darf die Verkehrsanbindung nicht wie eine nachrangige technische Fußnote behandeln. Stadtentwicklung ist nicht nur die Kunst, Flächen zu bebauen. Stadtentwicklung bedeutet, Alltag mitzudenken. Und genau daran hapert es in Hamburg immer wieder.
Man kann es polemisch zuspitzen: Diese Stadt leidet bisweilen unter einer geradezu pathologischen Geltungssucht. Im Großen ambitioniert, im Kleinen versagend. Es scheint der politische Reflex zu bestehen, Hamburg durch Großprojekte, internationale Erzählungen und städtebauliche Gesten irgendwie auf „Weltniveau“ trimmen zu wollen.
Nur: Hamburg ist nicht London. Hamburg ist nicht Paris. Und Hamburg ist erst recht nicht New York. Das ist auch gar keine Beleidigung. Es ist eine Entlastung.
Es wäre an der Zeit, der politischen Großmannsucht der Gegenwart etwas typisch Hamburgisches wieder entgegenzustellen: Ein gerüttelt Maß hanseatischen Understatements nämlich und kaufmännischen Realismus: Hamburg ist politisch nicht bedeutend genug, wirtschaftlich nicht zentral genug und kulturell nicht strahlkräftig genug, um in dieser Liga mitzuspielen. Auch wenn’s wehtut: Nein, Hamburg ist nicht die schönste Stadt der Welt. Es ist auch nicht das Zentrum von irgendetwas, das wesentlich größer wäre als eine norddeutsche Metropolregion. Hamburg ist meine geliebte Heimatstadt und eine wohlhabende, interessante, historisch gewachsene, manchmal schöne, manchmal spröde, oft sehr lebenswerte Stadt. Aber eben keine Weltmetropole.
So what? In Boston oder Philadelphia lebt es sich auch gut, ohne dass diese Städte ständig bizarre Klimmzüge machen müssten, um mit New York mitzuhalten. Im Gegenteil: Städte werden oft gerade dann stark, wenn sie wissen, was sie sind – und was sie nicht sind. Wenn sie ihre eigene Maßstäblichkeit akzeptieren. Wenn sie nicht dauernd nach oben schielen, sondern nach innen arbeiten.
Hamburg muss endlich begreifen, wo sein Platz ist. Nicht, um sich kleiner zu machen. Sondern um sich dort gut einzurichten.
Das hieße: weniger Selbstinszenierung, mehr Funktionsfähigkeit. Weniger Weltniveau-Rhetorik, mehr Alltagstauglichkeit. Weniger große Geste, mehr saubere Lösung. Denn was nützt die schönste Stadtmarke, wenn Kinder im Sommer kaum erreichbare Schwimmmöglichkeiten haben?
Auch das war Thema beim Rundgang in Neugraben. Bei sommerlichen Temperaturen wurde einmal mehr deutlich, wie dürftig die Schwimmbadversorgung im Bezirk Harburg ist. Für rund 160.000 Einwohnerinnen und Einwohner steht im Bezirk lediglich ein vergleichsweise kleines Schwimmbad mit einem 25-Meter-Becken zur Verfügung. Das ist nicht nur knapp. Das ist einer Sportstadt Hamburg unwürdig.
Viele Familien weichen bereits auf Bäder im Umland aus – nach Hittfeld, Neu Wulmstorf, Buxtehude oder Winsen. Aber auch das ist eine Frage sozialer Teilhabe. Für Kinder und Jugendliche ist das besonders bitter. Schwimmen ist keine Freizeitluxusfrage. Es geht um Bewegung, Gesundheit, Selbstständigkeit und Sicherheit.
Wenn eine Stadt von Sport, Teilhabe und Familienfreundlichkeit spricht, muss sie auch die entsprechenden Orte vorhalten. Nicht nur dort, wo es städtebaulich glänzt. Sondern auch dort, wo Menschen ganz gewöhnlich leben.
Neugraben zeigt, woran Hamburg arbeiten müsste: an den konkreten Bedingungen des Alltags. An Straßen, die entlasten. An Wegen, die funktionieren. An Angeboten, die erreichbar sind. An einer Infrastruktur, die mitwächst, wenn Stadtteile wachsen. Es wäre viel gewonnen, wenn Hamburg weniger Energie darauf verwenden würde, sich größer zu erzählen, als es ist – und mehr Energie darauf, im eigenen Maßstab besser zu werden.
Denn eine Stadt muss nicht Weltstadt sein, um gut zu sein. Aber sie muss funktionieren. Und zwar nicht nur im Großen, sondern gerade im Kleinen.